„Die längste Zeit eures Lebens werdet ihr alt sein“
Begegnung von Schülerinnen und Schülern der Ilse-Lang-Schule mit dem Unternehmer und Stifter Harald Christ
Am 12.12.2025 kam es in der Aula der Ilse-Lang-Schule, Berufsbildende Schule Worms zu einem Austausch von Schülerinnen und Schülern der Klasse BGY 25a des Beruflichen Gymnasium und angehenden Bankkaufleuten der Berufsschule-Klasse BS BM 25 mit dem Unternehmer und Stiftungsgründer
Harald Christ.
Bereits zum zweiten Mal war Christ, selbst ein ehemaliger Schüler der Berufsbildenden Schule Worms, Gast an seiner alten Wirkungsstätte und hat zuletzt mit einer Fördervereinbarung seine Verbundenheit mit der Ilse-Lang-Schule-Schule zum Ausdruck gebracht. Die knapp 50 Schülerinnen und Schüler hatten sich zuvor auf das Treffen thematisch vorbereitet.
Nach einführenden Grußworten der ehemaligen Schulleiterin Frau Münke, die den engeren Kontakt zu Harald Christ bereits im letzten Jahr geknüpft hatte, sowie Studiendirektor Herr Weber, Abteilungsleiter für die beiden Schulzweige, kam es zu einem munteren Austausch zwischen dem erfolgreichen Unternehmer, Stifter und Politikberater und den interessierten Schülerinnen und Schülern. Christ, Jahrgang 1972, schilderte zunächst knapp seinen Werdegang als ehemaliger Schüler der Schule, der aus kleinen Verhältnissen kommend die mittlere Reife ablegte, um danach Industriekaufmann zu lernen. Mit dem Saal, in dem er heute stehe, verbinde er noch zahlreiche Erinnerungen an viele Prüfungen, die hier regelmäßig, damals wie heute, stattfinden. Sein beruflicher Werdegang führte ihn später über das Bank- und Finanzwesen recht bald an die Spitze seiner eigenen Unternehmen – einschließlich eines Intermezzos in die Politik. Bei seinem Erfolg sei es ihm nie um ein hohes Vermögen gegangen, sondern darum, finanziell unabhängig zu werden. Der überaus erfolgreiche Geschäftsmann gründete 2020 die „Harald Christ Stiftung für Demokratie und Vielfalt“, die sich insbesondere der Unterstützung Heranwachsender und der demokratischen Erziehung verpflichtet fühle. Daher freute er sich, auf die drängenden Fragen und Themen der jungen Erwachsenen einzugehen.
Die Schüler und Schülerinnen hatten vier Themen an Stellwänden vorbereitet und sich zahlreiche Fragen zurechtgelegt, zu denen Christ sich in der knapp 90-minütigen Veranstaltung ausführlich äußerte aus Sicht seiner persönlichen Erfahrungen und seiner zurückliegenden Tätigkeiten – aber nicht als Politiker, wie er betonte. In Wechselmoderation durch die Schülerinnen und Schüler ging es um die Themen „Zukunft des Rentensystems“, „Modernisierung des Wehrdienstes“, „Jugendbeteiligung und politische Mitbestimmung“ sowie „Fake News in der Politik“.
Beim Thema Zukunft des Rentensystems gingen die Schüler und Schülerinnen auf die neue Gesetzeslage ein und reflektierten den zurückliegenden Streit innerhalb der der Koalition und der Parteien. Sie äußerten die Unsicherheit wegen ihrer eigenen Rente und fragten nach Lösungen.
Christ stellte die These auf: „Die Rente ist nicht sicher“ – zumindest nicht in der derzeitigen Form. Dies habe demographische Gründe und liege auch am gestiegenen Lebensalter. Allen Parteien sei klar, auch nach dem derzeitigen Gesetzesbeschluss, dass die Einzahlungen in die Rentenkasse in Zukunft nicht mehr ausreichen würden. Er sei sich sicher, dass der kapitalgedeckte Rentenbeitrag kommen werde, zur Unterstützung der staatlichen Rente und der Betriebsrente. Einer kritischen Frage nach dem Sinn eines Bürgergeldes, das jetzt durch die Grundsicherung abgelöst werde, entgegnete er, dass aus dem Wesen unseres Sozialstaates eine Verpflichtung bestehe, sozial Schwachen zu helfen. Dies sei aber nicht zu verwechseln mit einem bedingungslosen Grundeinkommen, das er ablehne.
Beim Thema Modernisierung des Wehrdienstes ging es um Beiträge und Fragen zur Wehrgerechtigkeit, zur Notwendigkeit der neuen Gesetzgebung und zu den Motiven, Soldat zu werden oder nicht.
Christ ließ keinen Zweifel daran, dass er persönlich in einem Verteidigungsfall sich seiner Pflicht nicht entziehen würde. Er verstehe jedoch die Ängste junger Leute allzu gut, in unsicheren Zeiten wie diesen, zur Bundeswehr zu gehen. Seiner Ansicht nach müsse ein Land aber immer verteidigungsfähig bleiben, wenn man nicht wolle, dass auf dem Wormser Marktplatz irgendwann einmal die rote Fahne gehisst werde. Der Freiwilligendienst der Bundeswehr müsse daher attraktiver werden, was mit der jetzigen Gesetzesänderung auf den Weg gebracht worden sei. Es bestehe derzeit keine Dienstpflicht, Freiwilligkeit bleibe der vorherrschende Wille. Dies gelte natürlich auch für Frauen. Man müsse sich aber klar darüber sein, dass die Freiwilligkeit eingeschränkt würde, wenn es zu einem Verteidigungsfall käme. Auch müsse man wissen, dass die Möglichkeit, den Kriegsdienst zu verweigern, im Verteidigungsgsfall ausgesetzt würde.
Beim Thema Fake News in der Politik übernahm Christ selbst die Initiative, er fragte in die Runde, wer denn noch eine analoge oder digitale Zeitung lese. Hier gingen nur sehr wenige Finger hoch. Bei der Frage nach der Informationsrecherche durch die sozialen Medien, die von weit mehr Schülerinnen und Schülern wahrgenommen wird, gab er viele Tipps: Man müsse immer mehrere unterschiedliche Quellen aus verschiedenen Kanälen einbeziehen. Wichtig sei, dass man die Quellen kritisch prüfe, wer dahinterstehe – wenn man da nichts finde, müsse man vorsichtig sein. Seriöse Quellen seien bei uns nun mal eher die zahlreichen Zeitungsverlage und öffentlich-rechtlichen Medien. Meinungsfilter durch Algorithmen, wie sie in den sozialen Medien gang und gäbe seien, halte er für bedenklich, diese lenkten die Informationen in eine bestimmte Richtung. Auch die Perspektive des Staates, aus dem berichtetet werde, mache natürlich einen großen Unterschied aus. So habe beispielsweise Russland ein großes Interesse an einseitiger Berichterstattung, weil es seinen Zielen nutze.
Beim Thema Jugendbeteiligung und politische Mitbestimmung wollten die Jugendlichen wissen, wie einflussreich die Stimme der Jugendlichen auf die Politik seiner Meinung nach überhaupt sei, und was er rate, um sich als junger Mensch Gehör zu verschaffen.
Direkt angesprochen auf Jugendparlamente hat Christ eine klare Meinung dazu: „Jugendparlamente sind oftmals Alibiveranstaltungen“. So bedauerlich das auch sei. Er wolle aber nicht entmutigen und animierte zum politischen Engagement: „Wer mitbestimmen will, soll sich einer Partei anschließen“. Hier gebe es im demokratischen Spektrum eine große Auswahl. Das sei auch sein Weg gewesen. Aber ganz gleich, wie man sich als Jugendlicher einbringen wolle, ob auf Kundgebungen, in Parteien, Gewerkschaften oder Jugendparlamenten, man müsse die unterschiedlichen Generationen immer mitdenken, denn: „Die längste Zeit eures Lebens werdet ihr alt sein“. Angesprochen auf ein Mindestalter bei Wahlen zeigte sich Christ offen: „Aber unter 16 Jahre sollte es nicht liegen.“
Am Schluss der Veranstaltung bedankte sich Christ bei den Schülerinnen und Schülern für deren berechtigte, teils auch recht schwierige Fragen, wie er zugab, und ermunterte sie, weiterhin interessiert zu bleiben. Er erhielt vom Publikum viel Beifall und war auch nach Ende der Veranstaltung noch gefragter Ansprechpartner für zahlreiche, auch private Fragen seitens der Schülerschaft.
Fazit: Nach Bekunden vieler Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnte festgehalten werden, dass die Begegnung ein schöner Erfolg war für die Meinungsbildung zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen – eine kurzweilige und anregende Veranstaltung für alle Beteiligten.
von Ralf Klein, 22.12.2025